Der Tälligrattunnel: Warum ein Wasserstollen zum Wanderweg wurde

Blick in den Tälligrattunnel.

Der rund einen Kilometer lange Tälligrattunnel verbindet die Fiescheralp mit dem Gebiet Märjela. Gebaut wurde er jedoch nicht für Wanderinnen und Wanderer, sondern als Teil der Wasserversorgung der Aletschregion. Heute führt der beleuchtete Stollen direkt durch den Berg. Ungefähr in der Mitte steht in einer Felsnische eine Marienfigur.

Eine Abkürzung durch den Berg

Wer von der Fiescheralp in Richtung Märjelensee und Grosser Aletschgletscher wandert, erreicht nach ungefähr einer Stunde den Eingang des Tälligrattunnels. Der schnurgerade Stollen führt rund einen Kilometer durch den Tälligrat und endet auf der Seite der Märjela.

Die Durchquerung dauert zu Fuss ungefähr 15 bis 20 Minuten. Der Tunnel ist beleuchtet, trotzdem empfiehlt sich eine Taschen- oder Stirnlampe. Der Boden kann feucht sein, und die Beleuchtung fällt nicht überall gleich hell aus.

Der Tunnel ist heute Bestandteil mehrerer offizieller Wanderrouten der Aletsch Arena. Dazu gehört beispielsweise die Rundwanderung von der Fiescheralp durch den Tälligrattunnel zur Märjela.

Warum wurde der Tälligrattunnel gebaut?

Die südlich ausgerichteten Hänge der Aletschregion sind vergleichsweise niederschlagsarm. Über Jahrhunderte musste Wasser teilweise mit aufwendig angelegten Wasserleitungen, den sogenannten Suonen, auf Wiesen und Felder geleitet werden.

Mit dem Ausbau der Dörfer und des Tourismus auf den höher gelegenen Terrassen stieg auch der Bedarf an Trinkwasser. Besonders auf der Riederalp wurde die Wasserversorgung zunehmend zu einem Problem. Zeitweise führte die Wasserknappheit sogar dazu, dass nicht weiter gebaut werden konnte.

Die Gemeinden Martisberg, Goppisberg, Greich, Ried-Mörel und Bitsch schlossen sich deshalb zu einem Zweckverband zusammen. In den 1980er-Jahren realisierten sie das sogenannte Märjelenprojekt. Später kamen weitere Gebiete beziehungsweise Gemeinden dazu.

Im Gebiet Märjela wurde der Vordersee zu einem Speichersee ausgebaut. Das Wasser gelangt von dort durch den Tälligrattunnel auf die Südseite des Berges. Anschliessend wird es in verschiedene Speicherbecken und Leitungen verteilt.

Ein Teil dient als Bewässerungswasser für die trockenen Südhänge. Ein anderer Teil wird in der Nähe der Laxeralp zu Trinkwasser aufbereitet. Das Projekt versorgt unter anderem Gebiete von Lax, Martisberg, Goppisberg, Riederalp und Oberried mit Wasser. Eine Beschreibung der Anlage findet sich beim Welterbe-Informationsportal Our Heritage.

Zufahrt für schwere Baumaschinen

Der Tälligrattunnel hatte während der Bauarbeiten noch eine weitere wichtige Funktion. Durch den Stollen konnten schwere Baumaschinen, Fahrzeuge und Baumaterial zum abgelegenen Vordersee gebracht werden.

Aus diesem Grund ist der Tunnel wesentlich grösser als ein gewöhnlicher Wasserstollen. Er musste mit Bau- und Transportfahrzeugen befahrbar sein.

Der Tunnel verkürzte zudem die Strecke der Wasserleitung zwischen dem Vordersee und der Südseite des Tälligrats. Gleichzeitig entstand damit ein weitgehend wettergeschützter Zugang zur Märjela.

Auch heute dient der Tunnel nicht ausschliesslich als Wanderweg. Er bleibt Teil der Wasserversorgung und wird als Zufahrts- und Versorgungsweg für die Anlagen beim Vordersee und bei der Gletscherstube genutzt.

Die technischen Daten des Tälligrattunnels

  • Länge: rund 1000 Meter
  • Anzahl Röhren: eine
  • Fertigstellung: 1988
  • Lage: unter dem Tälligrat, einem Ausläufer des Eggishorns
  • Höhe des Portals bei der Märjela: rund 2335 Meter über Meer
  • Ursprüngliche Aufgabe: Bau- und Versorgungsstollen für das Märjelenprojekt
  • Wasserwirtschaftliche Aufgabe: Transport von Wasser vom Vordersee auf die Südseite des Berges
  • Weitere Nutzung: Zufahrt für Unterhalt und Versorgung
  • Heutige touristische Nutzung: Wanderverbindung zwischen Fiescheralp und Märjela
  • Beleuchtung: elektrische, mit Solarenergie betriebene Beleuchtung
  • Gehzeit durch den Tunnel: ungefähr 15 bis 20 Minuten

Die wichtigsten technischen und historischen Angaben sind auch im Eintrag über den Tälligrattunnel zusammengefasst.

Seit wann ist der Tunnel für Fussgänger geöffnet?

Der Tälligrattunnel wurde 1988 fertiggestellt. Ursprünglich war er jedoch nicht als Wanderweg gedacht. Im Vordergrund standen die Wasserversorgung, die Bauarbeiten am Vordersee und der Zugang für Unterhalts- und Versorgungsfahrzeuge.

Erst einige Jahre nach der Inbetriebnahme wurde der Stollen auch für Wanderinnen und Wanderer freigegeben. Ein genaues, durch eine öffentlich zugängliche Primärquelle belegtes Eröffnungsdatum für den Fussverkehr ist nicht dokumentiert.

Deshalb wäre die Aussage, der Tunnel sei bereits seit 1988 offiziell als Wanderweg geöffnet, zu ungenau. Belegt ist lediglich, dass die Freigabe wenige Jahre nach der Fertigstellung erfolgte.

Heute gehört der beleuchtete Tunnel fest zum Wanderwegnetz der Aletschregion. Die Aletsch Arena beschreibt ihn auf ihren Wanderrouten als einen Kilometer langen, beleuchteten Durchgang zur Märjela. Eine solche Route führt beispielsweise vom Fieschertal über den Märjelensee zur Fiescheralp.

Die Marienfigur mitten im Tunnel

Ungefähr in der Mitte des Tälligrattunnels befindet sich seitlich eine kleine Nische. Darin steht auf einem gemauerten Sockel beziehungsweise Altar eine Marienfigur.

Die Figur bildet einen unerwarteten Kontrast zum langen, kühlen und technisch geprägten Stollen. Kerzen und kleine Gegenstände zeigen, dass Menschen an diesem Ort gelegentlich innehalten.

Das Welterbe-Informationsportal Our Heritage zeigt die Marienstatue in der Tunnel­nische und bezeichnet ihren Standort ausdrücklich als Mitte des Tälligrattunnels.

Wer die Figur aufgestellt hat und wann die Nische eingerichtet wurde, ist in den allgemein zugänglichen Quellen nicht eindeutig festgehalten. Es ist deshalb nicht möglich, die Entstehung des kleinen Marienaltars zuverlässig einer bestimmten Person oder einem bestimmten Jahr zuzuordnen.

Bemerkenswert ist die Wahl Marias: Als traditionelle Schutzpatronin von Bergleuten und Tunnelbauern gilt eigentlich die heilige Barbara. Im Tälligrattunnel steht jedoch ausdrücklich eine Marienfigur.

Nicht mit dem alten Entlastungsstollen verwechseln

Der Tälligrattunnel wird gelegentlich mit einem wesentlich älteren Stollen im Gebiet Märjela verwechselt. Dabei handelt es sich um zwei unterschiedliche Bauwerke.

Der frühere Märjelensee wurde vom Grossen Aletschgletscher aufgestaut. Wenn sich der See plötzlich entleerte, konnten grosse Wassermassen durch das Fieschertal ins Rhonetal fliessen und dort Schäden verursachen.

Um diese Ausbrüche zu verhindern, wurde zwischen 1889 und 1894 ein rund 550 Meter langer Entlastungsstollen gebaut. Dieser ältere Stollen sollte den Wasserstand des natürlichen Gletscherrandsees begrenzen.

Der heutige Tälligrattunnel entstand dagegen fast hundert Jahre später. Er wurde in den 1980er-Jahren im Zusammenhang mit dem Märjelenprojekt und der Wasserversorgung der Aletschregion gebaut.

Weitere historische Informationen zum früheren Gletscherrandsee und zum alten Entlastungsstollen finden sich im Beitrag über den Märjelensee.

Ein Zweckbau wird zur Sehenswürdigkeit

Der Tälligrattunnel zeigt, wie aus einem technischen Zweckbau eine touristische Attraktion werden kann. Für Wanderinnen und Wanderer ist der Stollen heute vor allem eine praktische Abkürzung zwischen der Fiescheralp und der Märjela.

Ohne den Tunnel müsste der Tälligrat auf einem deutlich längeren Weg umgangen oder überquert werden. Der Stollen ermöglicht einen vergleichsweise einfachen Zugang zum Vordersee, zur Gletscherstube, zu den Märjelenseen und zum Grossen Aletschgletscher.

Seine ursprüngliche Funktion ist beim Durchwandern leicht zu übersehen. Der Tälligrattunnel ist nicht in erster Linie für den Tourismus gebaut worden. Er ist ein wichtiger Bestandteil jener Infrastruktur, die Wasser aus dem Gebiet Märjela zu den trockenen Südhängen der Aletschregion bringt.

Die Kombination aus Wasserleitung, befahrbarem Versorgungsweg, Wanderverbindung, solarbetriebener Beleuchtung und Marienfigur macht den Tälligrattunnel zu einem der ungewöhnlichsten Bauwerke rund um die Fiescheralp.

Hinweis zur aktuellen Begehbarkeit

Vor einer Wanderung empfiehlt es sich, den aktuellen Zustand der Wege und des Tunnels zu überprüfen. Wegen Unterhalts- oder Sanierungsarbeiten kann der Durchgang vorübergehend gesperrt werden.

Aktuelle Angaben veröffentlicht die Aletsch Arena in ihrem Statusbericht für die Sommersaison.

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